Sicherheit durch Ausbildung in der ästhetischen Medizin – ein Gespräch mit Dr. Said Hilton (Präsident der DGBT) und Dr. Tanja Fischer (Präsidentin der ISAC)
Die ästhetische Medizin erlebt eine beispiellose Nachfrage. Mit dieser wachsenden Zahl an Behandlungen mit Fillern steigen auch die Nebenwirkungen. Insbesondere vaskuläre Komplikationen – bis hin zur Erblindung – können Ärzte hinsichtlich der Patientensicherheit vor immense Herausforderungen stellen. Wir sprachen mit Dr. Said Hilton, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Ästhetische Botulinum- und Fillertherapie (DGBT), und Dr. Tanja Fischer, Präsidentin der Internationalen Gesellschaft für Ästhetische Kompetenz (ISAC- International Society for Aesthetic Competence), über die Bedeutung von Ausbildung und Sicherheitstrainings in der ästhetischen Medizin sowie die Auswirkungen der Produktionseinstellung des Antidots Hylase Dessau.
KM: Herr Dr. Hilton, warum ist die Ausbildung in der ästhetischen Medizin so wichtig, insbesondere im Bereich von Hyaluronsäure und Botulinumtoxin?
Hilton: Die ästhetische Medizin ist eine hochkomplexe Disziplin, die anatomisches Wissen, das bei jedem Patienten analysiert und individuell angewendet werden muss, und genaue Kenntnisse der angewendeten Produkte erfordert. Eine falsch platzierte Injektion kann nicht nur zu ästhetischen, sondern auch zu lebensveränderten Komplikationen führen. Die DGBT hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ärzte auf höchstem Niveau auszubilden, nicht nur in der Technik, sondern auch in der Risikoabwägung und der Prävention von Nebenwirkungen.
KM: Dr. Fischer, wie läuft ein ISAC Isecure-Notfallkurs ab, und warum sind diese Schulungen so entscheidend für die Patientensicherheit?
Fischer: Unsere Notfallkurse bereiten Ärzte auf den Ernstfall vor. Es geht nicht nur darum, vaskuläre Verschlüsse zu erkennen, sondern auch zu wissen, wie man sofort reagiert.Wir haben einen Konsensus erarbeitet mit unserem internationalen ISAC World Board. Denn auf der ganzen Welt stehen wir vor denselben Herausforderungen. Die jungen Ärzte haben mittlerweile Angst vor Gefäßverschlüssen, aber Angst ist ein schlechter Begleiter. Viele fachfremde Gruppen, wie z.B. Heilpraktiker, tummeln sich furchtlos auf diesem Markt und können die Nebenwirkungen weder erkennen noch adäquat behandeln. In unseren Kursen wird der Therapie-Algorithmus nach dem internationalen Konsensus erklärt. Wir simulieren reale Szenarien – von einem leichten Verschluss bis hin zur Erblindung. Die Teilnehmer müssen schnell reagieren, denn im echten Leben entscheidet das richtige Handeln über den Ausgang der Nebenwirkung.
Fallbeispiel:
Ein Arzt berichtete kürzlich von einem Patienten, bei dem nach einer Nasenkorrektur mit Hyaluronsäure plötzlich die Haut um die Nasenspitze weiss wurde. Am Nasenrücken waren unglaubliche Schmerzen. Dank unserer Schulung konnte der Arzt das Gewebe durch sofortige Injektion der richtigen Menge Hyaluronidase an der richtigen Stelle retten und somit die Situation im Sinne des Patienten kontrollieren.
KM: Das Filler-Antidot Hylase Dessau wird vom Markt genommen. Was bedeutet das für die ästhetische Medizin?
Hilton: Das ist eine Katastrophe für alle Kollegen die mit Hyaluronsäure behandeln! Hylase Dessau war unser sicherer Anker, wenn unerwünschte Ergebnisse, oder noch wichtiger Gefäßverschlüsse durch Hyaluronsäure entstanden sind. Zu Hylase Dessau gibt es derzeit keine guten Alternativen, denn diese sind entweder nicht zugelassen oder deutlich weniger effektiv oder gehen mit stärkeren Nebenwirkungen für die Patienten einher. Das stellt die gesamte Branche vor ein Dilemma: Können wir weiterhin Filler-Injektionen durchführen, wenn wir im Notfall nicht adäquat reagieren können? Hyaluronsäure war durch das Vorhandensein eines Antidots seit 30 Jahren der Goldstandard unter den Fillern. Das würde sich definitiv ändern.
Fischer: Es ist unverantwortlich, dass Ärzte jetzt mit dieser Unsicherheit allein gelassen werden. Die Industrie muss in die Pflicht genommen werden.
Hyaluronsäure sollte nur verkauft werden, wenn das passende Antidot verfügbar ist. Wir sollten die Industrie mit in die Verantwortung nehmen. Der Verkauf von Hyaluronsäuren ist ein lukratives Geschäft, es muss weiterhin seriös und mit Verantwortung betrieben werden.
KM: Welche Maßnahmen schlagen Sie vor, um das Risiko vaskulärer Komplikationen zu minimieren?
Fischer: Wir brauchen eine Selbstverpflichtung der Firmen, die Hyaluronsäure verkaufen, Hyaluronidase mitliefern zu können. Gleichzeitig müssen wir Ärzte besser schulen. Die ISAC arbeitet dazu aktuell an einem internationalen Standard für Sicherheitsprotokolle.
Hilton: Auch die Patienten müssen besser informiert werden. Vielen ist gar nicht bewusst, wie gefährlich ästhetische Behandlungen sein können, wenn sie nicht von erfahrenen Ärzten durchgeführt werden, die in der Lage sein müssen, zu jedem Zeitpunkt alle, auch nur theoretisch möglichen Nebenwirkungen ihrer Injektionen adäquat und sicher behandeln zu können und den Patienten dadurch viel Leid zu ersparen.
- Ärzte brauchen eine intensive Ausbildung zu beiden Themen: Injektionen und Nebenwirkungen.
Zitat eines betroffenen Arztes:
„Ich hätte nie gedacht, dass ich mit einer ästhetischen Behandlung jemanden gefährden könnte. Aber ohne das richtige Antidot in der Hand hätte ich mich hilflos gefühlt.“
KM: Dr. Fischer, wie kann die Zusammenarbeit zwischen der DGBT und ISAC dazu beitragen, die Patientensicherheit international zu verbessern?
Fischer: Die DGBT ist ein Vorreiter in der Ausbildung, während ISAC auf Sicherheitskonzepte und Notfallmanagement spezialisiert ist. Gemeinsam können wir internationale Standards schaffen, die Ärzten mehr Sicherheit geben und Patienten schützen.
Hilton: Die Zeit drängt. Wir müssen handeln, bevor noch mehr schwere Komplikationen auftreten. Unsere Vision ist eine ästhetische Medizin, die nicht nur Schönheit, sondern auch Sicherheit garantiert.“
Schlusswort:
Die Zukunft der ästhetischen Medizin hängt nicht nur von neuen Technologien und Produkten, sondern vor allem von der Verantwortung der Ärzte und Hersteller ab. Ausbildung und Sicherheitsstandards sind dabei der Schlüssel – eine Verantwortung, die die DGBT und ISAC gemeinsam anpacken.
Frau Dr. Fischer, Herr Dr. Hilton, vielen Dank für das Gespräch.